GEW Mecklenburg-Vorpommern
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Lehrkräftemangel: Wege aus der Misere GEW-Bildungsexperten sind heute im Landtag zur Anhörung zu Gast

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Mecklenburg-Vorpommern (GEW M-V) begrüßt die heutige Befassung des Bildungsausschusses mit dem akuten Lehrkräftemangel an öffentlichen Schulen: "Es ist gut, dass sich die Parteien mit dieser Sonderanhörung gemeinsam auf den Weg machen, dem Lehrkräftemangel nachhaltig zu begegnen", erklären die GEW-Landesvorsitzenden Annett Lindner und Maik Walm.

15.01.2020

Und sie ergänzen: "Es entspricht unserer grundsätzlichen Bewertung der Lage, dass unabhängig von der Frage, wer aktuell und in den kommenden zehn Jahren die Regierung stellt, der besorgniserregende Zustand des Schulsystems eine zentrale politische Herausforderung bleiben wird. Nicht zu handeln wäre fahrlässig. Schon heute ist der Bildungserfolg der Schüler*innen vielerorts gefährdet." Um den Schulen Sicherheit und verlässliche Perspektiven für die kommenden zehn Jahre zu geben hat die GEW M-V deshalb schon Ende vergangenen Jahres das Land zu Verhandlungen über einen "Zukunftspakt für Gute Schule" aufgefordert. Ziel der Bildungsgewerkschaft ist der Abschluss einer koalitionsrechtlichen Vereinbarung, die über mehr als eine Legislatur hinaus die Schulpolitik bestimmt. 

In ihrer Stellungnahme zur heutigen Anhörung nimmt die GEW M-V u.a. eine allgemeine Einschätzung der Lage vor. Dazu sagt Annett Lindner: "Das 200-Millionen-Euro-Paket der Landesregierung ist ein wichtiger, erster, großer, aber nicht hinreichender Schritt. Im bundesweiten Konkurrenzkampf um Lehrkräfte brauchen wir weitere Maßnahmen. Denn die Kolleginnen und Kollegen stimmen längst mit den Füßen ab. Sie verlassen das Bundesland, gehen in Teilzeit oder früher in Rente." Und Maik Walm stellt fest: "Im Kern lassen sich nur über attraktive Arbeitsbedingungen in den Schulen und Hochschulen Menschen für unser Bundesland und damit auch Fachkräfte für Schulen gewinnen. Dazu gehören zu einem ganz wesentlichen Teil auch die Bedingungen der Aus- und Weiterbildung. Je früher die Verantwortlichen in der Politik dies verstehen und zu ihrem Handlungsgrundsatz machen, desto eher werden wir den Lehrkräftemangel in den Griff bekommen."

Mit der Aus- und Weiterbildung für den Dienst an den Schulen des Landes beschäftigen sich auch die Fragen der Landtagsabgeordneten zu dieser Anhörung. In ihrer Stellungnahme geht die GEW M-V auf die Situation der Referendar*innen ein und macht deutlich, dass das Referendariat in Mecklenburg-Vorpommern gegenüber der Lehramtsausbildung in anderen Bundesländern deutlich weniger attraktiv ist. Insbesondere bemängelt die Gewerkschaft die Schwierigkeiten vom Übergang zwischen 1. Staatsexamen und Referendariat, den hohen Umfang des eigenverantwortlichen Unterrichts sowie die fehlende Unterstützung der Mentor*innen beispielsweise durch eine geringere Unterrichtsverpflichtung, was in der Folge dazu führt, dass die Referendar*innen an den Schulen oft nicht ausreichend begleitet werden können.

Zu den Fragen des Seiteneinstiegs (nicht Quereinstieg; den gibt es in M-V bisher nicht!) überlässt die GEW M-V den Seiteneinsteiger*innen als Expert*innen selbst das Wort. Innerhalb der GEW haben sich - bundesweit bisher einmalig - die Lehrkräfte im Seiteneinstieg (LiS) als Landesfachgruppe organisiert. Stefan Tockner, selbst Seiteneinsteiger an einer Schule in der Nähe von Schwerin, spricht als GEW-Experte in der Anhörung. Er geht dabei insbesondere auf die Qualifizierung der Seiteneinsteiger*innen ein und kritisiert, dass in M-V Seiteneinsteiger*innen sofort mit Dienstantritt eine volle Unterrichtsverpflichtung haben: "27 Unterrichtsstunden von Beginn weg zu unterrichten ist selbst mit einem Crashkurs von 5 Wochen so, als ob man sich im einen Moment noch Kühe auf einer Weide ansieht und plötzlich auf einem wilden Bullen Rodeo reitet." Er betont, dass Seiteneinsteiger*innen durchaus auch neue Perspektiven mit in die Schulen bringen können. Um dieses Potential jedoch voll ausschöpfen zu können, ist es notwendig, den Seiteneinstieg in den Schuldienst in M-V neu zu regeln: "Das erklärte Ziel der GEW ist es, Seiteneinsteiger*innen mit hoher fachlicher Kompetenz und ausbaufähiger didaktischer und pädagogischer Eignung zu werben. Dies geschieht in erster Linie durch ein hervorragend organisiertes, individualisiertes Seiteneinstiegsverfahren, das im Regelfall mit dem 2. Staatsexamen abschließt. Dies garantiert nicht nur die Einhaltung der KMK-Standards zur Lehrerbildung sondern auch die Qualität der Bildung in den Schulen unseres Landes." Dringend wird diese Forderung vor allem vor dem Hintergrund, dass andere Bundesländer hier bereits deutlich weiter sind als Mecklenburg-Vorpommern. Sie bieten eine berufsbegleitende Qualifizierung unter Geltendmachung von Abminderungsstunden mit dem Abschluss des 2. Staatsexamens innerhalb von 2 Jahren und dem vollwertigen Eintritt in den Lehrerberuf. In Mecklenburg-Vorpommern wird im Moment selbst promovierten Fachwissenschaftler*innen mit Lehrtätigkeiten an Universitäten nur eine Lehrbefähigung anerkannt und eine Gehaltsangleichung nach 5 bis 10 Jahren angeboten. Ändert sich daran nichts, so befürchtet die Bildungsgewerkschaft, dass M-V den Anschluss an den Bundestrend verliert und bei der Fachkräftewerbung ins Hintertreffen gerät.