GEW Mecklenburg-Vorpommern
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Senior*innenpolitische Fachtagung der GEW

Es begann mit guten Nachrichten: „Ältere sind heute gesünder, gebildeter und aktiver denn je“, bilanzierte Sven-Olaf Obst vom Bundesseniorenministerium (BMBFSF) zum Auftakt der „6. Seniorinnen- und Seniorenpolitischen Fachtagung der GEW“. Und die Lebenserwartung steigt: 65-jährige Frauen haben heute noch durchschnittlich 21 Lebensjahre vor sich, Männer 17. Viele von Ihnen wollen aktiv sein, die Gesellschaft mitgestalten, sich engagieren. Obst: „Das Bild der kartoffelschälenden Alten am Küchentisch stimmt längst nicht mehr.“

20.06.2019 - Anja Dilk

Wohl selten wurde das so anschaulich wie beim dem zweitägigen Kongress Mitte Mai am sonnigen Müggelsee. Gut 100 ältere GEW-Mitglieder  waren angereist, um zu diskutieren und sich mit Experten aus Wissenschaft und Politik austauschen: Wo stehen wir, was wollen wir, wie können wir wirkungsvoll teilhaben und die Zeit nach dem Erwerbsleben positiv gestalten? Frauke Gützkow, GEW-Vorstand für Seniorinnen- und Seniorenpolitik definierte das Ziel: „Eine Politik für, mit und von älteren Menschen“ voranzubringen, damit Ältere kulturell, ökonomisch und sozial an der Gesellschaft teilhaben können.  „Gesellschaft verändern - Teilhabe im Alter“ war daher auch des diesjährigen Senior*innentages. Gützkow: „Wir wollen eine Gesellschaft, die wir mitgestalten. Und die für uns sorgt, wenn wir das nicht mehr so gut können.“

Bei der auffallend dynamischen, diskussionsintensiven Tagung wurde deutlich, dass es dabei gilt genau hinzuschauen. Denn Alter ist nicht gleich Alter. Es umfasst nicht nur eine Spannbreite von zwanzig, dreißig Jahren und damit Lebensphasen, in denen Menschen äußerst fit, andere, in denen sie gesundheitlich eingeschränkt oder pflegebedürftig sind. Sondern beschreibt auch äußerst ungleiche Lebensbedingungen. Ökonomisch, sozial, gesundheitlich. Susanne Kümpers von der Universität Fulda und Mitglied der Siebten Altenberichtskommission hob hervor: „Ungleichheitsfaktoren können sich gegenseitig verstärken“.

So sind etwa Frauen mit Migrationshintergrund, einer lückenhaften Erwerbsbiographie, langen Phasen der Teilzeitarbeit und geringer Bildung im Alter mehrfach benachteiligt. Sie haben ein höheres Risiko in Altersarmut zu rutschen, früher chronisch zu erkranken und haben es schwerer, an Pflegemittel zu kommen. Zudem leben sozioökonomisch benachteiligte Ältere nicht nur etwa zehn Jahre kürzer als ihre wohlhabenderen Altersgenossen und erkranken zu sechzig Prozent schon vor dem Renteneintritt. Sie sind auch in Punkto Teilhabe seltener vertreten. „Teilhabe ist eben auch ein Effekt der Lebensbedingungen“, so Kümpers. Bisher aber sei die Förderung von Engagement meist „mittelschichtsorientiert“. So werden Vereine oft mehr gefördert als informelle Nachbarschaftshilfe. „Doch gerade solche niedrigschwelligen Zugänge müssen wir dringend ausbauen, um anderen Zielgruppen Partizipation zu ermöglichen.“

 

Dass der Teilhabe Älterer ohnehin einige Hürden im Weg stehen, zeigte sich in der anschließenden Diskussion. „Ich fühle mich auch bei der GEW ausgegrenzt, weil ich im Ruhestand nicht mehr Mitglied einer Fachgruppe sein darf“, sagte eine Teilnehmerin. Eine andere berichtete von den inneren Hindernissen von Senior*innen im Altersheim. „Ältere erwarten dort oft selbst gar keine Mitbestimmungsmöglichkeiten“. Umso wichtiger sei die flächendeckende Verankerung von Seniorenmitwirkungsgesetzen, erinnerte die Vorsitzende des Bundessenio*innenausschusses Barbara Haas.

Wie viel Klärungsbedarf auch für die engagierten Teilnehmer des Senior*innentages zum Modell der Alterssicherung in Deutschland besteht, zeigte sich an den neugierigen Debatten nach dem Vortrag von Sylvia Dünn, Geschäftsführerin der Deutschen Rentenversicherung Berlin-Brandenburg. Sie erörterte zentrale Fragen: Warum besteht die Soziale Absicherung in Deutschland aus einem Mix von Solidarprinzip und Äquivalenzprinzip (also abhängig von den eingezahlten Beiträgen)? Wie spielen die drei Säulen der Altersversicherung – öffentliche Pflichtversicherung, betriebliche Zusatzversicherung, private Vorsorge – ineinander? Und Dünn erläuterte, dass etwa das Rentenniveau nichts über die Höhe der Rente sagt, sondern lediglich eine Rechengröße ist, um die Durchschnittsrente mit dem Durchschnittseinkommen vergleichen und das Rentenniveau entsprechend anpassen zu können. „Wir müssen uns mit diesen Fragen noch viel intensiver auseinandersetzen, um die richtigen Forderungen entwickeln zu können“, resümierte eine Teilnehmerin.

Professor Gerhard Bäcker, Professor am Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen, trug dazu mehrere Vorschläge in die Debatte: Höhere Tariflöhne, Einbeziehung von Selbstständigen (inzwischen zehn Prozent der Beschäftigten) in das staatliche Rentensystem, Abschaffung von Minijobs, die gerade Frauen so oft in die Altersarmut treiben und eine Kopplung des Rentenniveau an die Lohnentwicklung. „Wir brauchen eine Haltelinie: Das Rentenniveau darf bis 2025 nicht unter 48 Prozent des durchschnittlichen Jahresentgelts fallen“, so Bäcker. „Ohne eine laufende Anpassung des Alterseinkommens lässt sich  Altersarmut dauerhaft nicht vermeiden.“

Vorstands-Vertreterin Gützkow erinnerte daran: „95 Prozent der Erwerbstätigten sind auf ein gutes Rentensystem angewiesen, denn verbeamtet sind nur 5 Prozent aller Beschäftigten“. Eine Sozialpolitik, die das ausblendet, geht an der Realität vorbei. Und nur wenn die finanziellen Rahmenbedingungen für das Leben im Alter stimmen, sind ein selbstbestimmter Alltag und Teilhabe realistisch.

Die finanzielle Absicherung allein allerdings reicht nicht.  „Wir müssen Begegnungsmöglichkeiten schaffen und Senior*innen vernetzen, gerade auf dem Land und in kleinen Städten“, forderte Uta Barkusky, Vizepräsidentin des Städte- und Gemeindebundes Brandenburg und Bürgermeisterin der Stadt Müncheberg. Wo Sparkassenfilialen schließen, sollten Gemeinden Treffs initiieren, wo Bäcker abwandern, könnten Vereine Verbindungen knüpfen – auch zwischen den Generationen. „Gerade wir Älteren sollten für diese Vernetzung mehr soziale Medien wie Facebook nutzen“, schlug Regina Görner, Vorstandsmitglied der BAGSO, vor. „Und da haben wir gegenüber Jüngeren einen großen Vorteil: Mit einem langen Leben im Rücken, haben wir viel zu erzählen“.

 

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