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Zeit ist die Währung der Zukunft - GEW zieht Schuljahresbilanz

18.07.2017

Das Schuljahr 2016/17 steht kurz vor dem Abschluss: „Erneut haben sich die Kolleginnen und Kollegen an den Schulen des Landes für die beste Bildung unserer Kinder und Jugendlichen kräftig ins Zeug gelegt. Dafür gebührt ihnen unser Dank und unser Respekt.“, stellt Annett Lindner, die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Mecklenburg-Vorpommern (GEW MV) fest und setzt fort: „Insbesondere, wenn wir daran denken unter welchen Bedingungen der Unterricht vielfach erteilt werden muss.“

Sie berichtet aus der Schulpraxis, dass es den Lehrkräften teilweise schwer falle, die Lern-, aber auch die Lehrfreude zu erhalten, weil es ihnen vor allem an Zeit fehle. Hohe Krankenstände, die Umsetzung der Inklusion, der Lehrkräftemangel – das alles schlägt sich im Schulalltag nieder.

Zehn Prozent der Stunden fallen jährlich zur Vertretung an. Weit über die Hälfte davon hat die Krankheit von Lehrkräften zur Ursache. Zwar rühmt man sich im Bildungsministerium gerne mit den konstant niedrigen Ausfallzahlen, die etwa um 2 Prozent herum liegen: „Doch wir wollen darauf hinweisen, dass der überwiegende Anteil dieser Stunden durch Zusammenlegung von Klassen und Kursen bzw. durch Mehrarbeit der Kolleginnen und Kollegen abgefangen wird. Besonders die massiv spürbare Zusammenlegung von Klassen im Grundschulbereich ist für alle Beteiligten eine Zumutung. Klassenstärken von weit über 40 Schülern sowie DaZ- und Förderunterricht, der als erstes gestrichen wird, ist für niemanden gerecht.“, erklärt Annett Lindner.

„Damit ist klar, dass, neben einer gerechten und gleichen Bezahlung aller Lehrkräfte, Zeit die Währung der Zukunft ist.“, sagte die Gewerkschafterin in der heutigen Landespressekonferenz. Noch immer verzeichnen die Kollegien einen durchgehend hohen Altersdurchschnitt jenseits der 50 Jahre. Diese Lehrkräfte haben über Jahre hinweg solidarisch die Arbeit geteilt, um Kündigungen im großen Stil zu vermeiden. Das wird für viele in der Rente spürbar werden. Diese Lehrerinnen und Lehrer benötigen dringend Entlastung durch eine Absenkung der Unterrichtsverpflichtung.


Hohe Unterrichtsverpflichtungen, wie etwa am Gymnasium, das mit 27 Pflichtstunden im Bundesvergleich an der (Negativ)Spitze steht, schrecken darüber hinaus auch Lehrkräfte davor ab, sich in Mecklenburg-Vorpommern zu bewerben. „Wer wechseln will, hat derzeit nahezu die freie Auswahl und das ist erst der Anfang der Lehrerknappheit.“, warnt Annett Lindner. Die aktuelle Bertelsmann-Studie hat gezeigt, vor welchen Herausforderungen hinsichtlich der Schülerzahlen und der zusätzlich benötigten Lehrkräften, wir in den kommenden Jahren stehen. „Wer jetzt nicht handelt, muss sich im Wettbewerb um Fachkräfte künftig hinten anstellen.“


Wer über Wettbewerb spricht, kann auch die Bezahlung an den Grundschulen nicht ausblenden.
Grundschullehrkräfte sind nicht nur Grundlagenleger, sie sind auch diejenigen, die dank der Inklusion alle Kinder in ihrer Verschiedenheit annehmen und unterrichten sollen. Abgesehen davon, dass es noch viele handwerkliche Mängel in der Umsetzung des gemeinsamen Unterrichts behoben werden müssen, sollte es – auch vor dem Hintergrund der Wettbewerbsfähigkeit – eine Selbstverständlichkeit sein, ihre Arbeit genauso zu vergüten, wie die der anderen Lehrkräfte. Deshalb fordert die GEW eine Anhebung der Bezüge auf die Besoldungsgruppe A13. „In anderen Bundesländern wird darüber bereits nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Die Zeit ist reif!“.

Wegen der aktuellen Situation will man bei der Bildungsgewerkschaft nicht die Augen davor verschließen, dass zur Absicherung des Unterrichts künftig vermehrt Seiteneinsteiger*innen an die Schulen kommen. „Klar ist, dass wir die Seiteneinsteiger*innen als unsere Kolleginnen und Kollegen betrachten, für die wir alle gemeinsam Sorge tragen müssen und denen auch wir als Gewerkschaft eine Heimat bieten. Das Land muss „ohne wenn und aber“ für die Nachqualifizierung sorgen und darf sich hier nicht durch Befristungen aus der Verantwortung ziehen. Die ausgebildeten Lehrkräfte dürfen durch die Einstellung von Seiteneinsteigern keine Benachteiligung erfahren.“

Die GEW ist die mitgliederstärkste Interessenvertretung im Bildungsbereich für Angestellte sowie Beamtinnen und Beamte. Bundesweit organisiert die Bildungsgewerkschaft rund 280.000 Frauen und Männer in pädagogischen und wissenschaftlichen Berufen. Über die Hälfte der Mitglieder ist verbeamtet. Innerhalb der Gruppe der Lehrkräfte ist dieser Anteil sogar weitaus höher. In Mecklenburg-Vorpommern sind rund 4.500 Mitglieder organisiert.

V.i.S.d.P. Annett Lindner

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